Tod einer Geliebten

Eigentlich müsste sie sterben. Die Macht zu töten besitze ich. Während des Tages ist es mir möglich nicht an sie zu denken, doch wenn der Schlaf kommt, kommen alle unterdrückten Gedanken ans Mondlicht. Sogar im Traum bin ich unfähig zu weinen.

Ein großer Duschraum. Ich wähne uns allein. Doch dann kommen Scharen von Menschen, die alle der Säuberung nach einem anstrengenden Spiel trachten.

Mein schlafender Körper fragt sich, was mit ihm los sei, er kann die gesehenen Bilder nicht verarbeiten, schickt sie nicht auf direktem Weg ins Gehirn, sondern nur über Umwege durch Bauch und Herz erreichen die Signale die graue Masse. Ich muss somit gezwungener Maßen an diese Frau denken, wenn ich die Augen öffne. Eigentlich erinnere ich mich kaum an Träume, aber dieses Mal ist es eher den ausgestoßenen Hormonen zu verdanken, dass ich mich an diese Einbildung erinnere. Beginne noch im Halbschlaf mich zu fragen, warum ich sie nicht vergessen kann. Ich brauche es, sie braucht es, es wäre besser für beide Seiten, denn so wie es jetzt ist, ist es weder gut für sie noch für mich. Ich dreh mich auf die Seite, strecke meinen Arm nach der neben mir stehenden Lampe aus, schalte das Licht ein und bin froh, dass ich immer etwas zu schreiben auf dem Hochbett zu liegen habe. Falls ich es nicht hätte, müsste ich jetzt runter steigen, die kalten Dielen spüren und im Stockdustern nach einem Block und Stift suchen. Doch wie schon gesagt ich hatte vorgesorgt und kann nun getrost den Stift und das rote Notizbuch zur Hand nehmen und beginne meine Geschichte aufzuschreiben.

Sie muss weg. Weg aus meinem Bauch, weg aus meinem Herzen, weg aus meinem Leben. Und genau das ist es, was so schwer zu sein scheint, denn sie hat sich ganz langsam in mich hineingelegt, hat sich durch die Hintertür eingeschlichen und unbemerkt eingenistet, dass ich mich frage, wann eigentlich der Zeitpunkt gekommen war, an dem ich mich in sie verliebt hatte. Doch so langsam und leise wie sie gekommen ist, muss sie jetzt auch gehen.
Wir waren insgesamt drei Jahre zusammen, in denen zahlreiche Trennungsversuche gescheitert sind. Es war eine schöne und bereichernde Zeit, aber letztendlich musste ich sie verlassen, da ich ihre Gleichgültigkeit in ihren Augen, wenn sie mich anschaute, nicht mehr ertragen konnte. Wir unterhielten uns, doch man konnte spüren, dass sie mit den Gedanken ganz wo anders war. Ihr schien alles egal zu sein, was mit unserer Beziehung passiert oder geschweige denn, was in meinem Leben, das wir eigentlich noch teilten, oder? los ist. Eigentlich mag sie mich, doch von Liebe will sie nicht mehr sprechen, denn sie will nicht lügen. Aber warum kann sie mich dann nicht verlassen, frage ich mich. Weshalb ist sie dann noch mit mir zusammen.
Gleichzeitig frage ich mich, warum bist du eigentlich noch mit dieser Person liiert, wenn doch alle Zeiger auf Leer stehen. Und immer wieder kommt mir die Frage in den Sinn, was eigentlich Liebe ist? Ist es der qualvolle Zustand, den man realisiert, wenn man bemerkt, dass man alles verloren hat? Kann das dann überhaupt Liebe sein? Oder ist es jener Fall, den man klassischer Weise als Liebe auf den ersten Blick bezeichnet? Oder ist Liebe ein langsam kriechender Virus, der einen befällt und den man nie wieder loswerden kann? Immer die gleiche Frage, die doch fast jeden zur Verzweiflung bringt.

Es ist Tag geworden. Ich gehe die Treppe hinunter und stehe auf. Schwanke die ersten Schritte zur Tür, nehme die Klinke in die Hand und dreh mich unerwartet um. Mein Spiegelbild trifft mich und ich erschrecke vor meiner Lottrichkeit. Ich spreche die Frau im Spiegel an, da ich mich frage, wie dieser Tag werden wird. Werde ich heute mein Schreibpensum einhalten können? Ich drehe mich wieder um und vollende die Bewegung, die der vorherige Gedanke retardierte. Ich öffne die Tür und betrete das Wohnzimmer, welches von der Sonne durchflutet wird. Die großen Fenster lassen die Sonnenstrahlen durch die doch leider verschmutzten Fensterscheiben auf die rote Couch fallen, die im Widerschein die braun-roten Dielen schöner erscheinen lassen als sie sind. Die Wärme trifft mein Gesicht und ich kam nicht umhin ein kleines Lächeln auf meinem Gesicht zu spüren. Durch das Wohnzimmer gehend und den kleinen Flur, betrete ich das Bad, welches mir das Gegenteil des angebrochenen Tages zeigt. Grau-weiß mit einer Spur gelb und einer bezwingenden Kälte. Ich realisiere, dass ich das Fenster über Nacht offen gelassen hatte. Nach dem Schließen des Fensters drehe ich den Hahn auf und das Wasser strömt ungezähmt den Ausguss hinab. Mich überkommt ein Gedanke, den ich nicht weiter denken möchte, denn dann würde ich nie mehr frei denken können. Meine Hände greifen unter den Strahl und meine inneren Handflächen wölben sich zu einer Schale, in der sich das Wasser sammelt und ich befeuchte mein Gesicht und die Augen mit dem kalten, klaren Wasser. Muss es heute mehrmals als üblich wiederholen damit ich irgendwie wach werde.

Nach dem Frühstück mit einer bol schwarzen Tees sitze ich am Schreibtisch und beginne meinen Plot.

Schnee oder Wasser? Eigentlich eine dumme Frage, denn jedes Kind weiß, dass diese beiden Extensionen von ein und demselben Element stammen. Schneller oder langsamer Tod, das ist hier nun die zu findende Antwort. Und nebenbei gesagt, muss ich doch einen schnellen Tod vorziehen, denn wir haben doch schon im Leben genug gelitten. Am Tage oder in der Nacht? Besser wäre der Tag aber literarisch unheilvoller wäre doch die Nacht. Mal sehen, wohin mich meine Phantasie bringt. Ein Unwettertod oder ein normaler Unfall? Ersterer würde einen schnellen Tod und zweiterer einen eventuell langsam dahinsiechenden Tod bedeuten. Soll sie allein sterben oder mit anderen? Das Alleinsterben würde wahrscheinlich die Anteilnahme des Lesers an der Protagonistin erhöhen und somit die Identifikation mit ihr steigern. Ein Tod in der Gruppe könnte viel leichter vertuscht werden und ich würde nicht in den Kreis der Verdächtigen rutschen. Es wäre in dem Sinne weniger verdächtig, denn es sterben ja mehr als nur die Geliebte. Letztlich bleibt noch die Frage am Anfang oder am Ende der Urlaubsreise? Sie am Ende sterben zu lassen, wäre vor allem nach einem wunderbar verbrachten Urlaub umso makaberer. Sie am Anfang zu töten würde mich um die Tatsache einer schönen Geschichte bringen, die eventuell nur einen Wert für mich darstellt und für den Leser durchaus uninteressant werden könnte.

Das Telefon klingelt und reißt mich mit jedem Ton aus meiner Konzentration, die Entwürfe sind nämlich immer die schwersten. Möchte mich nicht von meinen Strukturanfängen lösen. Es läutet einmal, zweimal und natürlich ein drittes Mal. Beim vierten Mal verfluche ich die Tatsache, dass ich den Anrufbeantworter bei der Telekom abbestellt habe, und erhebe mich verärgert von meinem Stuhl um ins Wohnzimmer zum Telefon zu gehen. Es klingelt ein sechstes Mal und ich nehme die Hörer auf und frage missmutig: “Was wollen Sie?” Doch das einzige Zeichen, welches mir in mein Ohr dröhnt, ist das Tuten, nachdem der Anrufer aufgelegt hat.

Vielleicht war es sie? Wir hatten eigentlich ausgemacht uns nicht während der Urlaubszeit zu kontaktieren, aber wie immer hält sie sich nicht an die Abmachungen. Aber vielleicht wollte sie mich einfach nur hören um mit mir zu sprechen? Nein, es war sicherlich nur einer dieser Telefonanrufe, von denen man immer zu unsäglichen Zeitpunkten gequält wird. Sei es wegen einer Umfrage oder weil eine Agentur ein super Angebot hat. Und jedes Mal, wenn ich solch eine Person am Hörer habe, frage ich mich, woher diese Leute meine Telefonnummer haben.

Also, wieder einmal umsonst aufgestanden und für nichts und wieder nichts aus dem Gedanken gerissen worden. Ich gehe in mein Arbeitszimmer und setze fort, womit ich angefangen hatte.

Nach einer weiteren Stunde ertönt ein weiteres vibrierendes Geräusch, welches mich aus meinen Gedanken zieht. Es ist mein Palm, der mich an meinen Termin in der Universität erinnert. Um mit dieser neuen Technik warm zu werden, brauchte ich meine Zeit und auch Geld, denn eigentlich wollte ich mich der Tatsache der ständigen Erreichbarkeit entziehen, doch man kann es in dieser heutigen Zeit nicht mehr. Man muss immer erreichbar sein um Erfolg zu haben. Man kann sich dieser Entwicklung nicht in den Weg stellen, wenn man einen Platz in dieser Welt erhaschen will. Und seitdem ich diese minimale Telefontechnik besitze, bin ich für alle, egal zu welcher Uhrzeit, erreichbar, und man könnte sogar seine heimlichen Affären ganz gut koordinieren. Ein Gutes hat dies alles heute auch, denn ohne diese neumodischen Gadgets, wäre mir dieser sehr wichtige Termin entgangen. Ein Hoch auf die Vernetzung der Menschen. Globalisierung bis ins kleinste Detail. Ich lasse alles stehen und liegen, begebe mich ins Schlafzimmer und suche mir die passenden Sachen heraus. Nicht zu leger aber auf alle Fälle nicht zu förmlich.

Als ich wieder nachhause gekommen bin, gehe ich die üblichen Stationen ab. Telefon, Fax und E-Mail. Die Telefonanzeige sagt mir, dass drei Personen angerufen haben. Ich drücke auf den “Enterknopf”, der mir die Anrufdaten genauer anzeigt. Ein Anruf ohne Telefonnummer, d.h. der Anrufer lässt seine Rufnummer vom Anbieter unterdrücken, die zweite Nummer kannte ich nicht, also wird nicht zurück gerufen, denn falls es wichtig sein würde, wird sich dieser Anrufer wieder melden. Die letzte Nachricht wurde um 17 Uhr vom schlauen Telefon entgegen genommen und konnte aber auch nicht die Nummer erkennen. Dann drehe ich mich um zum Faxgerät und dort ist auch nichts zu finden. Bevor ich in die Küche gehe, schalte ich mein Powerbook an und warte auf Mails. Auch hier vergebens.

In der Küche schaue ich in den Kühlschrank, der schon seit Tagen mit der gleichen Leere zurück starrt. In diesen Momenten sage ich mir immer, so bald wie möglich einkaufen zu gehen, aber letztendlich lande ich immer wieder auf dem Weg zum Supermarkt in irgendeinem Restaurant. Nach einem ausgiebigen Essen ist mein Grund des Ausgehens verflogen und oft sind die meisten Märkte geschlossen. Doch heute beschließe ich in der Wohnung zu bleiben und gebe mich mit einem ebenso spärlichen Abendbrot wie schon am Morgen beim Frühstück ab. Danach gehe ich wieder ins Arbeitszimmer und setzte mich auf die Couch.

Das Telefonklingeln weckte mich. Ich wusste nicht, wie oft es schon geläutet hatte, und rannte zum Telefon um den Hörer so schnell wie möglich abzunehmen. Eine Stimme fragte mich, ob ich Frau Schön sei und ich antwortete, dass ich ebendiese wäre. Irgendwie überkam mich ein seltsames Gefühl und ich schaute auf meine Uhr um zu sehen wie spät es war: 23:59 Uhr. Ich war mit einem Mal stark aufgewühlt. Ich wusste nicht richtig warum, aber irgendetwas sagte mir, dass etwas nicht stimmte. Ich fragte die andere Person, was sie wolle.

“Ich muss ihnen leider eine schlechte Nachricht mitteilen. Wir haben sie per Zufall ermitteln können. Ihre Bekannte ist während eines Surfunfalls ums Leben gekommen und einer ihrer Freunde, der den Unfall unbeschadet überlebt hat, konnte uns ihre Daten übermitteln. Da wir eben nur ihre Informationen erhalten haben, konnten wir leider noch keine Angehörigen benachrichtigen. Hätten sie die Adresse der Eltern? Oder würden sie den Eltern Bescheid geben sich unter folgender Nummer bei uns zu melden? Wir wären ihnen sehr verbunden. Sind sie noch da?”

Ich konnte nichts darauf erwidern, ich hörte die ganze Zeit auf die Stimme und konnte dennoch nicht vollständig begreifen, was dort passiert sein sollte. Das einzige, was ich zu murmeln imstande war, dass ich den Eltern von Katherine Bescheid geben würde und die Frau am anderen Ende bedankte sich den Hörer auflegend.

Nach einer Pause, überlegte ich, was zu tun sei. Es ist schon nach Mitternacht und eigentlich ruft man um diese Zeit niemanden an. Aber bei solch einem Fall, würde einem doch verziehen werden, dass man zu so unmöglicher Stunde das Telefon ertönen lässt. Oder sollte ich vielleicht bis morgen früh warten, damit die Eltern wenigstens noch diese Nacht gut verbringen können. Es reichte doch schon, dass ich heute Abend kein Auge mehr schließen werde. Somit entschied ich mich zu warten. Wider besseres Wissen ging ins Bett und versuchte zu schlafen. Immer wieder überkamen mich die Gedanken meines versuchten Mordes und des nun tatsächlich geschehenen. Habe ich sie sogar mit meinen Gedanken getötete oder war das nur eine dumme Koinzidenz? Genau in dem Augenblick, in dem ich endlich in meinen Schlaf abdriften wollte, erschien mir das Bild Katherines vor den Augen. Ihre kleine, aber kräftige Gestalt, die dunklen, jetzt kurzen Haare und ihr Lächeln, welches mich immer wieder schwach werden ließ. Ihr Körper, der suchend und bezähmend zur Liebe aufforderte, und der sich in meinen Händen aufzulösen schien. Die Gefühle und Schmerzen drücken mich in die Kissen und ich beginne zu weinen wie ich es zuvor noch nie getan hatte.

Du hattest Recht, ich habe etwas gedacht, aber alles Denken ist machtlos, wenn keine Taten folgen. Ich will mich befreien und muss dies langsam tun, ansonsten kann ich mir nicht treu bleiben. Ich werde dir nicht mehr alles sagen. Es sind meine Gedanken, und du willst kein Teil mehr von meinem Leben sein. Du bist mir noch zu Nahe. Ich weiß, dass es gut für dich ist, aber für mich ist es die reinste Qual. Ich hatte an deine Liebe zu mir geglaubt und wir haben beide zu viel erwartet. Du kannst nicht erahnen, was ich empfinde, wenn du in meiner Nähe bist, du kannst nicht erkennen, was ich in deinen Augen sehe. Ich kann fühlen, was du nicht ausdrücken willst. Das, was ich dir sage, meine ich Ernst, ich verändere mich, genau unter deinen Augen und es wird der Schritt in die Freiheit sein. Ich werde mich von dir lösen und ein neues Leben beginnen. Ich liebte dich, auch wenn ich unfähig war, es dir immer zu zeigen. Ich will dir noch so viel sagen, aber die Worte und die Zeit wird nicht mehr reichen. Ich will mit dir schlafen, dir zeigen wie sehr ich dich begehre, um meinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Doch dann ereilt mich die Realität und ich öffne eine neue Tür.

Ich war wohl in den Schlaf gefallen, denn am Morgen erwachte ich irgendwie verkatert und erinnerte mich schlagartig an den Anruf der letzten Nacht. Ich wusste nicht, was ich zuerst tun sollte. Anrufen oder einfach frühstücken oder doch anrufen. Ich konnte mich nicht entscheiden. Ich ging zum Telefon, die Nummer noch auswendig wissend nehme ich den Hörer ab und stehe wie gelähmt. Ich weiß die Nummer, ich weiß die Namen, aber ich kann weder die Nummer wählen noch den Namen aussprechen. Ich kann mich nicht mehr erinnern wie lange ich mit dem Tuten im Ohr beim Telefon stand. Es war gerade erst halb fünf. Stockduster. Noch keine Zeit den Anruf zu tätigen.

Ich lese eine SMS von ihr, die sie mir vor der Abreise gesendet hatte, in der sie mich bat, sie anzurufen, wenn sie wieder in Berlin sein würde, damit wir über alles reden können. Ich antwortete ihr, dass ich damit einverstanden bin mit ihr zu reden, aber es dieses Mal kein Zurück geben würde. Sie sagte mir, dass sie es wüsste, dennoch mit mir darüber reden wollte. Ich weiß nicht, warum ich diese SMS gespeichert hatte, normalerweise lösche ich alle sofort nach dem Lesen. Nun da ich sie wieder lese, schnüren mir diese Sätze mein Herz ab. Ich weiß, dass sie vollständig von uns gegangen ist und sie nie wieder mit mir reden wird.

Alles was mit Katherine im Zusammenhang stand, wurde mit der Zeit unwirklich. Ich liebte sie, weil sie mich vergötterte. Ich liebe sie, weil sie mich verstieß, mich aber nicht verlassen konnte. Doch ich konnte nicht so weiter leben, konnte mich und sie nicht weiter betrügen und machte den Schritt zum dritten Mal und verließ sie.

Ich wollte sie jetzt. Hier bei mir. Wollte sie halten und ihr sagen, dass alles wieder gut wird. Doch es war nur ein Traum, der jeden befällt, wenn man sich wünscht etwas zu finden, was man im Moment davor verloren hat. Nun ist sie wirklich tot und ich fühle absolute Leere in mir. Frage wieder, was mich an sie gebunden hat, was es so schwer machte, sie zu verlassen und sie gehen zu lassen?

Die Nacht war ein Graus. Kein Schlaf, nur Gedanken, die in der Vergangenheit stocherten. Die Sonne brach mit ihren Strahlen durch die grau-blauen Wolken und ein neuer Tag begann. Obwohl schon tiefster Herbst, fast im Übergang zum Winter, kam die Sonne prachtvoll aus ihren Wolken als sollte es der wärmste Sommertag werden. Ich sitze auf dem Balkon in Decken eingehüllt und betrachte das bunte Treiben auf der Straße. Ich wundere mich über die vielen Menschen, die schon zu solch einer Tageszeit ihrer Arbeit nachgehen. Eben nicht nur der Bäcker, der in einer Stunde zwei Häuser weiter öffnen wird, und bei dem ich mir immer die leckeren Ost-Brötchen und ein halbes Mischbrot kaufe.

Ganz begreifen kann ich ihren Tod nicht, aber es ist Zeit, Katherines Eltern die schlechte Nachricht zukommen zu lassen. Wie schon in der Nacht zuvor stehe ich vor dem Telefon, den Hörer in der Hand, aber dieses Mal wähle ich die so lang bekannte Nummer. Während des Wählens frage ich mich, ob es nicht besser wäre ins Auto zu steigen und zu ihnen zu fahren, um ihnen die traurige Mitteilung persönlich zu überbringen. Doch ich erinnere mich an die letzte Episode mit ihren Eltern und seitdem ist Katherine immer allein zu ihren Eltern gefahren. Das ist jetzt knapp ein Jahr her. Nun sitze ich hier und betrachte mich im Widerschein der Tür. Sehe meinen zusammengefallenen Körper auf dem Stuhl sitzen und frage mich, wie man eine solche Tatsache den Eltern beibringen soll. Ich habe schon viele schlechte Nachrichten überbringen müssen, aber niemals kam die Person aus dem engeren Bekanntenkreis. Es ertönt immer noch kein Freizeichen, und ich realisiere, dass ich noch gar nicht den Hörer vom Telefon abgenommen habe, was dazu führte, dass die eingegebene Nummer noch nicht gewählt wurde.

Die Zeit vergeht im Fluge, wie damals, als ich sie das erste Mal in den Armen hielt. Wieder überfluten mich die Gedanken und Gefühle an sie und mein ganzer Körper verkrampft sich als ob er vergiftet wurde. Jetzt höre ich ein Tuten.

Ich hatte endlich allen Mut zusammen genommen und die Nummer gewählt, ich weiß nicht, wie oft ich das Anklopfklingeln hörte, dann ein Knacks und jemand hat abgenommen. Ich nehme mich zusammen um nicht verschreckt aufzulegen und warte auf die pragmatisch bestimmte Pause um antworten zu können. Ich habe gerade noch mitbekommen, dass man nach dem Signalton sprechen soll und bat um Rückruf unter der Nummer: 030/105810435. Nach diesem Anruf, der mich so viel Überwindung gekostet hat, war mir immer noch nicht wohler, denn ich hatte die Nachricht immer noch nicht überbracht. Nun saß ich auf dem Stuhl und wartete auf einen Rückruf.

Die Standuhr gongte sechs Mal und ich bemerkte, dass ich ziemlich hungrig war. Aber was sollte ich essen? Es ist Freitag und ich habe wie üblich nichts in meinem Kühlschrank. Im Unterschied zu den anderen Tagen, bin ich heute besonders nicht fähig aus der Wohnung zu gehen. Ich sitze zusammengekauert auf meiner Couch und höre meinem Bauch hinein, der nicht nur wegen des Hungers weint. Ich beschließe mir einen Tee zu machen und gehe in die Küche. Ich schalte das Radio ein und Radio Eins spielt einen Song, den Katherine immer lautstark mitgesungen hat, obwohl sie wusste, wie sehr ich das mochte! Ich warte bis der Wasserkocher den Siedepunkt erreicht hat und gieße mir einen grünen Tee auf. Ich begebe mich zurück in das Wohnzimmer, bedecke mich mit einer Decke und schaue aus dem Fenster. Der Tee dampft in Richtung Nase und nach dem letzten Schluck fühle ich mich so warm und eingehüllt, dass ich mich auf die Couch lege und einschlafe.

Ich erwache, sie liegt neben mir und ich schaue ihr ins Gesicht. Ich möchte sie wecken und mit ihr die Liebe teilen, die mich in ihr gefangen hat. Ich küsse sie, berühre ihre schwarzen langen Haare und küsse sie auf die Stirn, die Augen und den Mund. Langsam erwacht sie und schaut mich mit verwirrten Augen an. Wir küssen uns. Ich kann meine Gefühle nicht verbergen, ich möchte mehr. Ich küsse sie genauso wie am Abend vorher und genieße ihre Lippen auf meinen. Sie stiehlt sich in meinen Nacken und flüstert: “Du am Morgen?, guten Morgen.” Ich gehe nicht weiter auf ihre Anspielung ein und wir lieben uns wie als ob es das letzte Mal wäre.

Auch wenn wir seit Monaten nicht mehr zusammen sind, verfallen wir doch noch häufig unserem körperlichen Verlangen nach einander. Genießen unser Wissen über den anderen und lassen noch niemand neues in dieses Feld. Wir lieben uns, aber wir sprechen nicht mehr darüber, nicht einmal in diesen Momenten, denn wir wissen, dass es falsch wäre.

Ich stehe am nächsten Morgen auf, es ist Samstag. Registriere meine Lust, die unerfüllt bleiben wird. Was ist passiert? Ich gehe durch die Wohnung. Ins Bad, wie jeden Morgen. Schaue in den Spiegel und sehe eine Leiche. Ihre. In mir. Verstört frühstücke ich notdürftig, nehme die Laute des Radios nicht einmal wahr und frage mich, was ich heute machen werde. Sollte ich noch einmal anrufen? Oder sollte ich letztendlich zu ihnen fahren?

Wie immer, wenn ich nicht weiter weiß, lese ich. Ich hole ein lang verstaubtes Buch aus dem Regal. Ich erinnere mich an Paul Austers “Disappereances” und an das damalige Gefühl als ich “White Spaces” las, welches mich jetzt wieder einholte und griff zum Buch.

“Etwas geschieht, und sobald es zu geschehen beginnt, kann nichts mehr sein wie früher. (…) Es kommt von meiner Stimme. Was aber nicht bedeutet, dass diese Worte jemals sein können, was geschieht. Es kommt und geht. Wenn ich zufällig in diesem Augenblick spreche, dann nur, weil ich hoffe, einen gangbaren Weg zu finden, parallel zu allem anderen Gehenden gehen zu können und so vielleicht einen Weg zu finden, das Schweigen auszufüllen, ohne es zu brechen. (…) Etwas beginnt, und schon ist es nicht mehr der Beginn, sondern etwas anderes, was uns mitten in das Beginnende hineintreibt. Sollten wir plötzlich innehalten und uns fragen: „Wohin wir gehen?“ oder „Wo sind wir jetzt?“, wären wir verloren, denn mit jedem Augenblick sind wir nicht mehr dort, wo wir waren, sondern haben uns selbst unwiderruflich in einer Vergangenheit zurückgelassen, die keine Erinnerung hat, in einer Vergangenheit, die unablässig ausgelöscht wird von einer Bewegung, die uns die Gegenwart trägt. (…) Im Reich des Sichtbaren geschieht nichts, das keinen Anfang und kein Ende hat. Und dennoch können wir niemals den Ort oder den Augenblick finden, von dem wir zweifelsfrei zu sagen vermögen: hier fängt es an, oder hier hört es auf. Für einige von uns hat es schon vor dem Anfang angefangen, und für andere von wird es nach dem Ende noch weitergehen. Was soll man suchen? Seht nicht hin. Entweder ist es hier, oder es ist nicht hier. Und wer irgendwo oder irgendwann eine andere Zuflucht zu finden versucht, wird niemals dort sein, wo zu sein er glaubt. Mit anderen Worten: nehmt Abschied. Es ist nie zu spät. Es ist immer zu spät. (…)”

Auch dieses Mal salben mich diese Verse aus dem Gedichtsband und ich lese sie laut mit meinem deutsch-englischen Akzent und genieße die Wucht, die auf mich eindringt. Auster schafft es immer wieder mich aus der Realität zu empfangen und mich etwas geheilt zurück zu bringen. Er ist seit Anfang meiner Zwanziger bei mir und wird wie Max Frisch seinen Platz nie räumen müssen.

Das Telefon holt mich aus meiner Selbstpsychose und ich erinnere mich wo ich bin. Ich nehme den Hörer ab und weiß instinktiv was mich erwartet.

“Frau Schön, sie hatten bei uns angerufen und ihre Nummer hinterlassen.”
“Ja.”
“Was ist denn passiert?”
“Ja, eh, wie soll ich beginnen?” Doch dann erinnere ich mich an die vielen Dr. House Folgen und beginne zu glauben, dass es doch besser ist mit der Tür ins Haus zu fallen als um den heißen Brei zu reden.
“Ihre Tochter ist bei ihrem Sommerurlaub, besser bei ihrem Surftrip, ums Leben gekommen.” Ich weiß nicht warum es mir so einfach über die Lippen gegangen ist, aber es ist passiert und ich warte auf eine Reaktion, die natürlich nicht kommen wird. Ich sprach weiter auf sie ein, dass wenn sie etwas bräuchte, sie sich bei mir melden könne, dass wenn sie reden möchte, sie bei mir anrufen solle und na ja, eben alles, was man sonst noch so sagt. Ich fragte sie, ob sie einen Stift und Zettel zur Hand hätte, damit sie die Nummer anrufen könne, die ich gestern Abend von einer gewissen Frau Incharge bekommen habe. Katherines Mutter sagte, dass sie schnell die gefragten Sachen holen würde und ich konnte ihrer Stimme entnehmen, dass sie ihre Tränen genauso unterdrückte wie ich es gestern getan hatte. Sie kam zurück, ich diktierte ihr die Nummer, wies sie noch einmal auf meine Hilfsbereitschaft hin und teilte ihr schließlich mein Beileid mit. Sie antwortete mir, dass sie es noch nicht glauben könne und erst einmal ein bisschen Zeit für sich bräuchte, aber sie sicherlich auf mein Angebot zurückkommen würde. Sie bedankte sich so gut, wie man sich eben für solch eine Nachricht bedanken kann und legte auf.

Nachdem auch ich den Hörer ebenfalls aufgelegt und mir irgendwie alles Gesagte vollständig bewusst gemacht hatte, gehe ich in mein Arbeitszimmer und vernichte die Strukturen für meine Geschichte, die nun keine mehr sind. Sie sind zu einer grauenvollen Realität geworden, die mich zum Anfang zurückbringt. Die Frage, die in mir bleibt, ist, wo der Anfang sein wird, wenn man eine geliebte Person so abrupt verloren hat.

Ich nehme wieder “Disappearances” auf und beginne den Abschnitt “Facing the music” und darin S. A. 1911-1979 zu lesen:

“Aus dem Verlust. Und aus solchem Verlust,
der den Verstand verheert – bis zum Verlust
des Verstandes. Und dann einfach warten. Als käme das erste
Wort
erst nach dem letzten, nach einem lebenslangen
Warten auf das verlorene
Wort. Nicht mehr
als die Wahrheit sagen: Menschen sterben, die Welt versagt, die
Worte
haben keine Bedeutung. Und daher nur
um Worte bitten.
Mauer aus Stein. Herz aus Stein. Fleisch und Blut.
Soviel wie all das.
Mehr.”

One Response to Tod einer Geliebten

  1. Anne says:

    superschöne geschichte, schreib mehr und schreib ein buch!!!!!! hab dich lieb!!!!! Anne

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