Jeden Morgen fährt sie mit der S-Bahn Richtung Westen, um zu arbeiten. Manchmal überfällt sie ein mulmiges Gefühl, wenn sie die nun unsichtbare Grenze überschreitet, denn irgendwie ist sie nicht ganz angekommen, obwohl sie in dieser Welt nun schon zwanzig Jahre lebt, und nicht nur für den Sport, sondern auch für ihre universitäre Ausbildung in den Westen gefahren ist. Es gibt dennoch immer noch Tage, an denen sie sich fragt, wie es gewesen wäre, wenn sie nach ihrem neunten Lebensjahr in die vierte Klasse der EOS gekommen wäre. (…)
Je älter sie wird, umso stärker werden diese Gefühle. Sie fragt sich, woher diese stammen, denn eigentlich hat sie nicht mehr so viel Erinnerung an ihre Kindheit. Zum Glück gibt es einige Fotos, die sie als Drei-, Vier- oder auch Sechsjährige zeigen, aber richtige Erinnerungen an diese Zeit kann sie nicht wachrufen. Auch an den Tag, an dem die Mauer fiel, erinnert sie sich nicht. Nur weil ihre Mutter ihr immer wieder erzählt, wie erstaunt sie war, was sie damals gesagt hatte, als sie aus der Schule kam, gibt es eine Erinnerung, die aber nicht von ihr selbst produziert wurde. Daher kann sie nicht genau sagen, was sie empfunden oder gedacht hatte. Heute ist so ein Tag. Es ist Januar, die dritte Woche des neuen Jahres und es ist sehr kalt. Der Wind weht wahnsinnig, sodass man sich gegen ihn stellen muss, um sich nicht von ihm abdrängen zu lassen. Sie geht zur Straßenbahn, die sie in zwanzig Minuten zum Alex bringt und danach wird sie weitere zwanzig Minuten fahren, um am Savignyplatz auszusteigen, und die restlichen Meter Richtung Arbeit durch den Schlamm des grauen Schnees stapfen, der die glatte Eisschicht der vorherigen Schneereste überdeckt. Glatt ist es darunter und sie hofft mit jedem Schritt nicht auszurutschen. Sie geht die für sie so unerreichbare Straße entlang, die unter der S-Bahnbrücke von einer Obdachlosen besetzt ist. Immer wenn sie diese Frau dort sitzen sieht, fühlt sie sich ihr näher als den anderen Passanten, die allein durch ihre Kleidung den Wohlstand dieses Stadtviertels repräsentieren. Sie fragt sich, warum sie sich nicht heimisch fühlen kann, sie blickt in die Schaufenster und ihr Spiegelbild zeigt ihr eine weiße Skijacke, die nicht so recht ins Outfit der Anderen passt. Sie fällt auf. Warum denkt sie daran? Sie kann es sich nicht erklären, und beschließt bei der nächsten Gelegenheit einen Wintermantel oder so etwas Ähnliches zu kaufen. Heute geht sie an den Schaufenstern weiter und fragt sich, was dieser Frauenanzug oder allein das Poloshirt kosten würde. Kaiser an der Ecke zeigt ein weiteres Gesicht dieses Stadtviertels. Auch hier stehen die Motzverkäufer, die doch dem einen oder anderen einen Euro abringen können, der zwar nicht die Zeitung bezahlt, aber ihnen die Möglichkeit bietet am Abend in der Nähe des Zoos zu duschen, etwas zu essen und eventuell die Sachen zu waschen. Nachdem sie die vierspurige Straße, wovon eine Richtung gen Zoo, die andere gen Halensee führt, überquert hat, schaut sie wieder in das Schaufenster von Paul&Schark und sieht zum ersten Mal den Preis eines Anzuges, den sie schon seit einer Weile im Auge hat. Natürlich ist ihr klar, dass sie diesen niemals käuflich erwerben wird, aber Träume sind erlaubt. Somit steht sie vor dem Fenster, niemand anderer in Sicht, denn es ist erst halb neun morgens. Sie erkennt das Wort SALES und wundert sich dennoch über den Preis, der darunter steht. Knapp 1500 Euro soll das gute Stück kosten und sie denkt sofort daran, dass sie mit einem Anzug wie diesem, ihre derzeitige Miete für zehn Monate begleichen könnte. Wahnsinn. Aber schön sieht er trotzdem aus. Nach weiteren fünf Minuten erreicht sie ihr Ziel und lässt sich durch die Klingelanlage selbst in den gut-bürgerlichen Hausflur rein, geht die Treppe hinauf und öffnet die Tür hinter der ihre Arbeit wartet. Nach dem Unterrichten geht sie wieder den morgendlichen Weg zurück und wartet auf die S-Bahn Richtung Osten. Die Schönefeldbahn kommt in drei Minuten und bis dahin hüllt sie sich in ihrer Jacke ein und stellt sich in den Schutz des Ansagehäuschens, in welchem schon lange keine Durchsage mehr getätigt wird. Sie hört das Rauschen des Windes und die Einfahrt des Zuges verstärkt den Eindruck eines nahenden Unwetters. Sie steigt ein und nimmt in einem Vierer Platz. Sie nimmt Pnin heraus und beginnt zu lesen. Am Zoologischen Garten steigt eine Schülergruppe ein, die solch einen Lärm macht, dass sie nicht mehr lesen kann und aufschaut. Sie betrachtet die Schüler und fragt sich, was aus ihnen wohl werden wird, und warum sie selbst nicht mehr Lehrerin werden möchte. Doch diese Gedanken werden bei der nächsten Haltestelle abrupt zum Ende gebracht, denn nachdem die Türen geschlossen sind, beginnt jemand zu sprechen: „Ich bin der Thomas und lebe seit acht Jahren auf der Straße, um meinen Lebensunterhalt ehrlich zu verdienen, verkaufe ich die Motz und möchte sie bitten mir heute eine abzukaufen, damit ich wenigstens heute Abend etwas zu essen für mich und meinen Hund kaufen zu kann.“ Doch weiter kommt Thomas nicht, denn die Kinder im Abteil krakeelen so lautstark, dass selbst er bemerkt, dass es im letzten Wagon heute sinnlos ist. Stattdessen packt er seine Zeitungen wieder fein säuberlich ein und geht in Richtung vorderen Ausgang, um bei der nächsten Haltestelle in den nächste Wagon wechseln zu können. Als er bei den Kindern vorbei will, fragt er die Kinder: „Wer weiß, wie man Schwan schreibt?“ Die Betreuerinnen schauen weg, die anderen Passagiere starren aus ihrer Zeitung auf, um zu sehen, wie die Kinder auf diesen Mann reagieren. Einige sagen, dass er stinke, dass er sich waschen solle, aber es gibt auch einige Kinder, die beginnen zu überlegen, um ihm eine Antwort zu geben. „Ich weiß, wie man Schwan schreibt.“, sagt eine Junge lautstark. „Ach ja, das weißt du?“, sagt ein anderer und fordert ihn auf es zu buchstabieren. Dann mischt sich ein nächster unter die Ratenden und sagt: „S – C – H …“, doch weiter kommt er nicht, denn ein Mädchen beginnt auch zu buchstabieren und bringt ihn aus dem Rhythmus. Thomas schaut die Kinder verdutzt an und fragt, noch einmal leiser, und dieses Mal kann man seine Traurigkeit hören: „Wie schreibt man denn nun Schwan?“ „Dass solltest du doch selbst wissen!“, blökt ein Junge rein und schaut Thomas verabscheuungswürdig an. Die andere Gruppe der Kinder ist immer noch am Raten – nachdem sie ihre Aufpasser anschauten und vergebens um eine Antwort baten – und fragt Thomas, der im Begriff war zum Ausgang zu gehen, ob er es ihnen nicht sagen könne, damit sie wissen, wie sie Schwan schreiben und wer letztendlich von ihnen Recht hätte. Doch da öffnen sie die Türen und Thomas verschwindet aus dem Wagon und sicherlich aus ihrem Gedächtnis. Thomas, der Störenfried ist endlich weg, die Mitfahren können endlich wieder lesen, schauen sich in gegenseitigen unausgesprochenen Einvernehmen an, und die Kinder sind noch für eine Weile über das ihnen aufgegebene Rätsel verwundert, und werden in zwei Stationen aussteigen, um ins Museum für Deutsche Gesichte zu gehen. Auch Klara schaut wieder in ihr Buch, doch heute fällt es ihr schwerer sich wieder darauf zu konzentrieren. Sie denkt an den morgendlichen Gang zur Arbeit und den Anzug, der ihr nun ein Schaudern gibt, denn sie weiß, wie gut es ihr geht. Sie hat eine gute Schulsausbildung genossen, hatte die Möglichkeit zu studieren und arbeitet nun, ohne sich ernsthafte Sorgen darüber machen zu müssen, was sie morgen wohl essen könne. Sie weiß, dass sie in knapp einer halben Stunde zuhause sein wird, und es ihr heute Abend im Gegensatz zu Thomas nicht kalt sein wird. Sie hat immer noch das Privileg zu überlegen, was sie eigentlich mit ihrem Leben anfangen möchte, und nutzt jede Gelegenheit sich in dieser Stadt wohl zu fühlen.