Wiederholung

Jeden Abend putzt sie sich die Zähne. Manchmal kann sie nicht genug davon bekommen. Sie putzt und putzt und putzt. Dabei denkt sie an den Tag, an die noch kommenden und schon vergangenen. Und immer wieder stellt sie sich die Frage, wie wird der nächste Schritt in ihrem Leben aussehen? Diesen Abend entschließt sie sich zum ersten Mal die Geschichten, die ihr oft beim Putzen einfallen, aufzuschreiben. An diesem Abend dauert das Putzen besonders lang. Während des Putzens, dreht sie unbewusst schon den Wasserhahn mit dem blauen Punkt auf, und das kalte Wasser fließt durch den Hahn in einem kräftigen Strahl den Abfluss hinab. Sie schaut sich das Geschehen an, und wundert sich über die Bewegungen des Wassers, die sich kreisförmig strudelnd vollziehen. Und sie putzt immer noch weiter. Die Zähne beginnen an einigen Stellen schon zu quietschen, so sauber sind sie schon. Langsam erhebt sie sich und schaut in den Spiegel. Sie sieht sich an, kann sich aber nicht richtig erkennen. Immer noch erscheint dieses zu schlanke Gesicht ihr fremd. (…)

 

Sie kann es nicht glauben, dass sie es sein soll. Ihr  Bild, welches sich in ihrem Gedächtnis festgesetzt hat, passt nicht mit dem nun drei Jahre älterem zusammen. Das andere ist jüngerer, nicht vom Stress gezeichnet – Welcher Stress eigentlich? – und näher an der Person, die sie zu verkörpern sucht.
Ist es nicht einfach das Erwachsenwerden, das in ihrem Gesicht Spuren hinterlassen hat? Sie vermisst die strahlenden Augen, betrachtet die Wimpern, die nicht so wunderschön geschwungen von ihren Augenlidern herabhängen. Sie denkt an dieses Werkzeug, welches den Schwung der Wimpern erzeugen könnte, aber braucht sie das wirklich? Können Wimpern nicht von allein in Schwung kommen?
Noch immer fließt das Wasser in den Abgrund. Welche Verschwendung! Doch noch immer ist die Zeit nicht gekommen um aufzuhören. Sie kreist und schwingt die Bürste vom Zahnfleischrand zu den Zähnen. Irgendwann bemerkt sie, dass sie den Becher mit dem lauwarmen Wasser umfasst und ihn zum Mund führt. Schaum und Wasser vermengen sich zu einem blubbernden Gemisch, welches den Weg in den Abfluss nimmt. Diesen Vorgang macht sie noch einmal um auch den ganzen Mund- und Rachenraum rein zu spülen. Sie denkt an die Zahnseide, hinter ihr im Regal, doch dann vergisst sie sie wieder, weil sie von einem Gedanken abgelenkt wird.
Warum hat der Mensch das Bedürfnis sich im Spiegel anzuschauen? Ist er der Meinung ihm irgendetwas Unbekanntes zu finden? Meint er ein anderes Ich, als das Seinige zu entdecken?
Bin ich es wirklich, denkt sie, die mich aus dem Spiegel betrachtet? Wenn ja, warum schaue ich eigentlich in den Spiegel, wenn ich doch weiß, dass ich es bin. Ich werde älter, man kann es immer deutlicher erkennen. Nicht die Falten, nicht die dunklen Tränensäcke, nicht die tiefen Mundwinkel, es sind die Gedanken, die eigenen gelebte Geschichte, das Wissen – Welches? – die Vergangenheit, die einen älter werden lassen. Man schaut in den Spiegel, um sich seiner Vergangenheit bewusst zu werden, denn man kann sie fast mit jedem Augenschlag erweitern. Und dann denkt sie an die Zukunft. Kann man sie auch im Spiegel sehen?
Sie setzt den Becher ab, säubert die Zahnbürste, dreht den Deckel auf die Zahnpastatube, weil sie es von ihren Eltern so gelehrt, anerzogen bekommen hat. Danach dreht sie sich um, schaut nun in den parallel-hängenden, organge-geränderten Spiegel, und trocknet sich mit dem unter dem Spiegel hängenden Handtuch die Mundwinkel ab. Sie macht eine Hundertachtziggrad-drehung und geht auf die Badezimmertür zu. Hinter ihr sieht man die Badewanne und das Fenster.
Im Flur knipst sie das Licht aus, schließt die Tür und geht durch den Flur und das Mittelzimmer in ihr Zimmer. Sie sucht nach etwas, kann es aber nicht finden. Sie steht nun in der Mitte des Raumes, starrt auf den Computer und legt sich Block und Stift zurecht, um zu schreiben.
Währenddessen sie schreibt, muss sie oft an die Schwester ihrer Freundin denken, denn diese hat morgen Geburtstag, und dieses Mal möchte sie nicht schon wieder mit leeren Händen auftauchen. Eigentlich hat das Geburtstagskind alles, und ehrlich gesagt, kennt sie die Schwester auch nicht so gut, um entscheiden zu können, was ein gutes Geschenk sein könnte. Ihre Freundin braucht sie auch nicht anzurufen, denn auch sie ist jedes Mal am Verzweifeln irgendetwas zu finden. Das Einzige, was ihr noch einfällt, ist ein Stück ihres Selbst.
Somit legt sie die angefangenen Texte beiseite, rollt den Stuhl in eine bequemere Position, und beginnt zu schreiben.

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