Tod I

In einem kleinen Dorf lebten die Großeltern von Marie. Marie wiederum wuchs in der Großstadt Berlin auf, und jedes Mal wenn die Ferien vor der Tür standen, wusste Marie wohin die Reise führen würde. Aufs Land zu den Großeltern. Dieses Ritual spielte sich jedes Jahr ab, bis sich die Eltern von Marie trennten und die Mutter das alleinige Erziehungsrecht vom Vater zugeteilt bekam. Maries Vater indessen flüchtete zu seinen Eltern aufs Land zurück und machte Geschäfte, die ihn in die Sozialhilfe führten. Je mehr sich der Vater Maries von seinen Kindern entfernte umso verhärteter wurden die Fronten des einstigen Ehepaares (…)

Maries Mutter, Schwester und natürlich sie selbst lebten nun mit einem den Schwestern unbekannten Mann in der altbekannten Wohnung. Die Beziehung zwischen dem Vater und den Töchtern zerbröckelte mit jeden Jahr das ein- und ausging. Es fehlte der Zusammenhalt und so vergingen die Jahre und die Töchter wurden langsam erwachsen. Der Vater meldete sich seltener, hatte zu sehr mit sich selbst zu tun.
Seit der Trennung bekam Marie, als auch ihre Schwester, von ihren Großeltern väterlicherseits nichts mehr mit. Wenn man den Vater doch einmal traf, hörte man von Magenkrebs, aber Anteilnahme konnte man nicht vortäuschen. Sie gehörten seit fünf Jahren nicht mehr zum eigenen Leben, sie waren zu familiären Fremden geworden. Nichts als die Leere war in Marie hinaufgestiegen, die sie nicht wusste zu füllen. Sie lebte weiter ohne mehr darüber nachzudenken.
Während der Abiturzeit, zu einer sozusagen unglücklichen Zeit, rief der Vater an um mitzuteilen, dass der Großvater verstorben sei. Es war der 22. Januar 2000. Doch wieder spürte sie nichts. Sie schrieb ohne größere Probleme die letzte Abi-Klausur und verspürte keinen Verlust. Sollte sie einen solchen fühlen? Gar Trauer, Schmerz oder Mitleid? Oder sogar etwas ganz anderes?
Maries Vater, Schwester und sie fuhren seit sehr langem Mal wieder zusammen zu den Großeltern, der Großmutter. Die Fahrt war leise, eigentlich war sie immer sehr leise gewesen, außer wenn die Kinder sich auf der Rückbank damals wegen irgendeiner Kleinigkeit stritten. Während der Fahrt dachte Marie immer wieder daran, wie es wohl ihrem Vater wirklich geht und wie er den Tod seines eigenen Vaters verkraftet hat. Hat er es? Wird er es?  Er zeigt Stärke, aber in seinen Augen konnte sie eine Traurigkeit erkennen, die Marie noch nie zuvor gesehen hat. Doch Marie weiß, dass diese Gedanken nie eine richtige Antwort finden werden, denn über Gefühle redet man nicht. Sie werden hingenommen, und schon ganz und gar nicht mit den eigenen Kindern besprochen.
Bei den Großeltern angekommen, bemerkt man kaum, dass der Großvater fehlt, denn er war schon immer sehr leise und irgendwie unsichtbar für uns Kinder gewesen. Wie immer war es sehr kalt in der bedachten Veranda und Marie atmete tief den Duft ihrer Kindheit ein. Auf einmal vermisste sie es, nicht mehr hierher gefahren zu sein. Sie vermisste die Kartoffelfelder, die Erdbeersträucher und natürlich die Karotten, die man direkt aus der Erde ziehen konnte und sogar mit etwas dreckiger Erde essen durfte. Sie vermisste die Erbsen, die man von den Sträuchern pflücken konnte, und das Rufen der Oma, die es ungern sah, wenn man genau das tat, denn diese Erbsen sollten doch für ein Mittagessen sein. Marie erinnerte sich an den Geruch im Stall nach Schweinen und Hennen. Wie sie einmal mit der Oma, oder vielleicht auch mehrmals, die Eier am Morgen aus den Nestern der Hennen stahl, um sie zum Frühstück zu verzehren und sie erinnerte sich an die heiße Schokolade, die nur mit Wasser aufgekocht wurde und immer noch besser schmeckte als diese heutigen vollmundigen Sahneschokoladen. Und letzten Endes der Geruch der Speisekammer, in der man im Winter sogar seinen Atem sehen konnte. Alles war wieder da, die Erinnerung war tiefer als Marie dachte. Nun stand sie da mit diesen Gedanken und wurde von ihrer Oma begrüßt, die ihr noch kleiner und runder erschien als damals. Nach der Begrüßung in der Veranda wurden sie wie immer in das warme Haus gelassen. Es hingen immer noch überall die alten Heizkörper und sogar in den Zimmern, in denen sie als Kinder schliefen, hatte sich nichts verändert, auch hier noch derselbe Geruch, dieselben Betten und Gardinen.
Die Großmutter war schon immer ruhig gewesen, aber heute erschien sie Marie noch leiser und in sich gekehrter. Alle Verwandten fanden sich nach und nach ein und Marie wusste gar nicht mehr all ihre Namen. Hatte sie sie je gewusst? Sie erinnerte sich verschwommen an einige, aber nicht an alle. Es gab aber auch Verwandte, die Marie noch nie gesehen hat, so glaubte sie, und doch schienen sie alle zu kennen. Sie sitzt nun in der Reihe mit ein paar Cousins und Cousinen, aber irgendwie war nichts zu erzählen, die Welten, aus denen sie kamen, waren zu verschieden. Marie wusste, dass sie anfangen würde zu studieren und alle ihre Cousins und Cousinen machten eine Ausbildung, wobei sie immer glaubte, dass auch die anderen studieren sollten. Aber diese Einstellung scheint auch im Jahr 2000 noch nicht im Dorf angekommen zu sein. Gerade deswegen ist Marie jetzt stolz darauf, in einer Wohnung und mit Einschnitten aufgewachsen zu sein, und dass sie dennoch bis jetzt alles geschafft hat, was sie wollte. Auf einmal hat sie Mitleid mit ihren jüngeren Verwandten, die niemals die Möglichkeiten in ihrem Leben sehen konnten oder vielleicht auch nicht wollten. Marie fühlte sich am falschen Platz wie schon bei so vielen Großereignissen. Weder Schulfeiern, noch Mannschaftstreffen noch Ansammlungen jeglicher Art hatten Marie ein inneres Bedürfnis stillen können. Welches Bedürfnis das sein würde, sollte sie erst viel später herausfinden. Wie immer und nun auch hier, merkte sie, dass sie schnell wieder hier rausgehen müsste, zurück in die anonyme Stadt, obwohl sie sich eingestehen muss, dass sie in diesem Moment sogar unter ihren Verwandten fremder ist als in der Großstadt. Sehr fremd.
In der Nacht schlief Marie ruhig und fest, dennoch fühlte sie sich am Morgen schwach und ganz und gar nicht hungrig. Das Verlangen nachhause zu fahren wurde um Stunde zu Stunde größer, aber sie wusste, dass dies erst der Anfang des Tages ist.
Es regnete und alle liefen in kleinen sich kennenden Trauben zum Friedhof. Marie und ihre Schwester bildeten sogar die kleinste der Trauben, denn ihr Vater hatte sich seiner Mutter angeschlossen. Marie wusste nicht, was sie erwartete, noch nie war sie auf einer Beerdigung gewesen. Hatte noch nie gespürt wie es sein würde jemanden zum letzten Mal zu verabschieden. Sie und ihre Schwester fielen immer mehr in der Reihe zurück, fast wären sie eine andere Abzweigung gegangen, die sie noch aus Kindertagen kannten, die sie zu der großen Milchproduktionsstätte gebracht hätte, wenn sie nicht schon leer stehen würde, aber sie nahmen dann doch den ihnen vorbestimmten Weg, der schon von all den anderen eingeschlagen wurde. Auch diesen Weg kannten sie, und wollten schon als Kinder immer auf dem Friedhof Einlass finden, hatten aber nie den Mut gefunden jenen zu betreten. So ist es also dieser Januartag, der ihnen den Weg in die Kirche geleitete.
Aufgebahrt in der Mitte lag er da. Umgeben von abertausenden von Blumen, Grabschmuck und Trauerkränzen. Schwarzer Anzug. Oder war der grau? Sein Körper nur noch ein winziger Teil seines Selbst – gelblich. Aber zum ersten Mal sah Marie ihn lächeln. Sie hatte ihn zu seinen Lebzeiten nicht einmal lächeln sehen. Ja sicher, Marie kannte Fotos auf denen er etwas die Mundwinkel verzog, aber ein richtiges lebendiges Lächeln war nie auf seinem Gesicht. Nun sah sie ihn dort liegen, zum ersten Mal mit einem glücklichen Gesicht und kann sich nicht der Frage verwehren, ob er zum Schluss vielleicht sein Glück gefunden hat. Erst viel später beim Umzug Maries Mutter sollte Marie ein altes Lichtbild ihrer Großeltern sehen, wo ihr Großvater herzlich lacht.
Die Kirche war klein und ungeheuerlich kalt. Es gab keine Heizung und die einzige Wärme, die man spüren konnte, war die Körperwärme, die von den Lebenden abgegeben wurde und auch diese reichte nicht aus, um das kleine Kirchengebäude zu erwärmen. Marie und ihre Schwester setzten sich in eine der letzten Reihen, die natürlich die kältesten waren, denn die Tür stand sperrangelweit offen, und Marie beobachtete ihren Vater. Sie sah ihn neben seiner Mutter sitzen und fragte sich, was er jetzt wohl denken und fühlen würde, als sie Tränen auf seinem Gesicht wahrnahm. Verlegen versuchte sie sich wegzudrehen, aber sie konnte es nicht. Sie wollte wenigstens in Gedanken bei ihrem Vater sein. Wollte ihm helfen und zuhören. Seine Tränen sprachen zu ihr wie er es niemals tun würde. Er war zerbrechlich, untröstlich und erschrocken vom Tod seines Vaters. Er wusste, dass alles nun vorbei sein würde und man konnte in seinen Gesichtszügen, den kleinen Günter sehen, den Marie noch nie gesehen hat. Er war verletzlich und unantastbar zur gleichen Zeit.
Nachdem der Pfarrer über den Großvater erzählt hat, wurde der Sarg zum Friedhof getragen und der kalten Erde eingegeben. Als Marie an der Reihe war etwas Erde auf ihn niederfallen zu lassen, konnte sie nicht umhin daran zu denken, dass dieser noch ganze Körper langsam von den ihn umgebenden Insekten aufgefressen werden würde, bis nichts außer seinem Skelett übrig ist. Er verdorrt in der Erde wie die Reste auf dem Kompost. Dann ging sie den trauernden Verwandten hinterher und fragt sich, warum sie nicht weine wie die anderen. Ist sie sogar die einzige, die nicht weint? Nein, es gibt noch andere, aber keiner wird sich eingestehen wie es Marie tut, dass sie einen ihr sehr unbekannten Mann begraben hat, weswegen es ihr einfach unmöglich ist, zu weinen.
Am Abend nachdem alle das Haus verlassen hatten, saß Marie bei ihrer Großmutter im Wohnzimmer und bemerkte wie viele Jahre zwischen ihnen lagen. Nichts konnte gesagt werden, dass es einfacher machen könnte, alles schien von der sie umgebenden Stille aufgesogen zu werden. Die Stille des Nichtkennens und des Todes. Marie merkte ihrer Großmutter an, wie traurig sie war, aber sie glaubt auch, dass ihre Oma nur sehr traurig sei, da sie nun wisse, dass sie den Rest ihres Lebens allein verbringen würde und sich um nichts als sich selbst zu kümmern hätte. Niemand wird mehr im Haus sein und die Stille wird sich ganz langsam in jeden der Räume legen.

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