Er ist 35 Jahre alt, aber …

… er sieht aus wie fünfzig. Schulterlanges, schwarzes, dreckiges Haar fällt in sein spitzes und zu dünnes Gesicht. Seine Augen sind umrandet von Falten, und auf seiner schmalen aber kleinen Nase trägt er eine alte Brille. Durch seine hell-braunen, längst ausgetragenen Catapillarschuhe hindurch, kann man seine Zehenspitzen erkennen. Er nimmt immer mehr gelblich-braunes Papier aus einem alten ForYou-Rucksack und verteilt sie neben sich auf den Sitzen als auch auf dem Boden der Straßenbahn. (…)

Seine Hose ist eine ebenfalls schon ausgetragene Jeans, die nur durch die zwei Flicken am jeweiligen Bein zusammengehalten wird. Mit seinen dreckigen Händen nimmt er immer mehr Papier aus dem Rucksack, und genau in diesen Momenten des Auspackens, kann man seine sehr ungewöhnlich langen, und unter den Nägeln schmutzigen, Finger deutlich erkennen. Seine alte Lederjacke, die ihm eindeutig drei Größen zu groß ist, sieht aus wie eine Damenjacke der 80er Jahre, die zu damaliger Zeit wirklich unter die Sparte der Herrenbekleidung gefallen war, aber heutzutage eher als altmodisch bezeichnet werden wird. Die Jacke scheint ihn zu begraben, man kann weder die richtige Struktur der Jacke erkennen, noch die Konturen seines Körpers. Man kann sich nur seinen winzigen, atmenden Körper unter dieser Jacke vorstellen, aber auch das scheint dem Betrachter nicht ganz so recht gelingen zu wollen.
Er ist immer mehr von Papier umgeben, welches aus alten Tagesspiegelseiten und aus Skizzen mit Zeichnungen, Kalkulationen, Geschrieben und Zeichentrickzeichnungen besteht, die, so kann man annehmen, vor geraumer Zeit von ihm selbst angefertigt oder gesammelt wurden. Manchmal hebt er ein Stück Papier auf, öffnet das zusammengefaltete Stück und liest es sich mit sachter Stimme vor. Während dessen starren ihn die anderen Passagiere an, lachen in sich hinein oder verdrehen die Augen, dennoch traut sich niemand ihm etwas zu sagen.
Alle wissen, dass er einer der Gefallenen ist. Einer jener, der ungewollt, aber vorherbestimmt, eine falsche Entscheidung getroffen hat, und nun hier mit ihnen im einzigen, warmen Platz an diesem Wintertage sitzt. Sie wissen, dass auch sie sich, bei einer schlechteren Vorherbestimmung oder einem falschen Schritt, in dergleichen Lage befinden könnten, dementsprechend einer von ihnen sein könnte, weswegen niemand zu ihm direkt hinüber schaut, sondern ihn durch den Augenwinkel schielend betrachtet, um nicht von den anderen Mitfahrenden dabei ertappt zu werden. Ihm zu helfen oder mit ihm zu reden, kommt uns allen nicht in den Sinn, stattdessen konzentrieren wir uns auf das Buch, das vor uns auf dem Schoss liegt, oder auf die Straße, die neben uns entlang führt.
Ja, gerade jetzt wollen wir diese Menschen versuchen zu vergessen, es ist Weihnachten und wir sollten eigentlich alle fröhlich und glücklich sein. Wir denken an die Jahresrückschau 2007 der Süddeutschen, die uns erklärt, dass wir Deutschen im letztem Jahr einen Wirtschaftboom hatten, dass Deutschland im Allgemeinen mehr Geld eingenommen hat als in den letzten Jahren, und dass Deutschlands Wirtschaft prosperiert. Genau deswegen wollen und können wir nicht glauben, dass es immer mehr Menschen gibt, wie ihn, der hier mit uns in der Straßenbahn sitzt. Wir wollen nicht seine Armut und seinen Mangel anerkennen, stattdessen verstecken wir uns hinter unseren Haustüren, die wir natürlich noch besitzen, und wie unser letztes Eigentum vor jenen Menschen schützen, denn sie könnten ja eventuell in unserem Hausflur schlafen, und uns unerwartet im Dunkeln begegnen. Somit lassen wir uns jeden Tags aufs Neue von den Zeitungen einlullen, unseren Augen misstrauend, und versuchen zu vergessen, dass die Wahrheit, aber auch hier nicht zwischen den Zeilen liegt.
Er scheint sich auf irgendetwas zu konzentrieren, und natürlich können wir uns nicht im Geringsten vorstellen, was er wohl denken könnte. Das einzige, was wir erkennen können, ist, dass er über etwas grübelt. Vielleicht darüber, ob er dieses Stück Papier auf den guten oder schlechten Stapel legen soll, also, ob er es überhaupt aufheben oder vielleicht doch verschmeißen soll. Wir können nur sein Gemurmel hören, welches uns im Zusammenhang mit seinen Bewegungen andeutet, dass er darüber nachdenkt. Er ist in seiner Welt gefangen, nichts kann ihn herausbringen. Er scheint niemanden außer sich selbst und seinen Papierstapel wahrzunehmen.
Wir allen fahren mit der Bahn, es steigen Menschen aus und ein. Diejenigen, die aussteigen gehen weiter nach Hause und versuchen diesen Mann, den noch bis vor ein paar Sekunden angestarrt, schnellstmöglich zu vergessen. Sie wollen sich nicht daran erinnern, dass dieser Mann in der Straßenbahn, die sein momentanes Zuhause ist, notgedrungen bald aussteigen muss, und sicherlich nicht dort, wo seine Familie auf ihn wartet, sonder dort, wo er vom Fahrer höflichst zum Aussteigen aufgefordert wird.
Wir, die schon ausgestiegen sind, werden bald zu Hause sein, in einem warmen Zimmer, und natürlich so schnell wie möglich versuchen, diesen Mann aus unserem Tag und aus unserem Gedächtnis zu verbannen.
Der letzte Halt der Straßenbahn ist erreicht, nun muss auch er aussteigen, nun muss er erneut nach einem warmen Platz suchen. Ohne Bedenken und ohne die Sorgfalt, die ihn die ganze Zeit zwei Stapel hat bilden lassen, nimmt er seine Papiere wieder auf und packt sie alle auf einmal in den Rucksack. Dann steigt er aus, wandelt durch die Tür in die kalte Stadt hinaus, die ihm nun erneut eine Gänsehaut bekommen lässt. Er geht geradeaus in Richtung Nirgendwo und hofft, dass er in dieser Nacht noch einmal so ein ruhiges und erleuchtetes Plätzchen finden wird, um seine Papiere zu ordnen, und um es warm zu haben. Er schaut über die Straße und sieht einen Waschsalon und geht hinüber.

Wir werden immer häufiger diesen armseligen Leben auf der ganzen Welt begegnen, und wir werden immer stärker versuchen, diesen Anblick zu vermeiden, um uns nicht selbst an unsere wacklige Position erinnern zu müssen.

One Response to Er ist 35 Jahre alt, aber …

  1. newstalk says:

    Ich lese und staune und sehe, du bist eine andere. Anrührender Text, ohne kitschig zu wirken, bildhaft, ansprechend.

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