Jedes Mal wenn ich zum Sport gehe, fühle ich mich besser. Seit dem ich drei Jahre alt war, habe ich Sport gemacht und jetzt, nachdem ich zwei Knieoperationen überstanden habe, die mir der Leistungsport eingebracht hat, genieße die Möglichkeit des Bewegens umso mehr. Sport ist ebenso lebensnotwendig für mich wie das Atmen. Leider weiß ich auch, dass ich nicht mehr in der Lage bin, mich wie mit 17 auf dem Sportplatz oder in einer Sporthalle zu verausgaben, aber wer kann das schon von sich behaupten. (…)
Sport macht mein Leben besser und war schon immer die erste unbewusste Anerkennung meiner Leistungen, und er hat mich in meinen Entscheidungen immer wieder aufs Neue bestärkt. Ich habe schon viele Entscheidungen gefällt, aber erst jetzt wird mir vollends bewusst, mit welcher Intensität und Ausdauer ich jedes meiner Ziele verfolgt habe.
Wie es scheint, komme ich meinen so lang ersehnten Zielen immer näher und ich bin in der Lage zu sagen, dass ich eine von Tausend sein werde, die ein anderes Leben führen kann als ihre Eltern. Die meisten Eltern wollen, dass ihre Kinder eine bessere Zukunft haben als sie und sie versuchen uns dabei zu helfen, unsere Ziele und Wünsche zu erreichen. Und jetzt ist es an der Zeit unsere Schulden zurück zu zahlen.
Haben wir gegenüber unseren Eltern überhaupt Verbindlichkeiten?
In meinem Fall habe ich das Gefühl, dass ich besonders meiner Mutter all die Dinge zurückgeben möchte, die ich ihr jemals geben kann. Sie war unser ganzes Leben lang unser Halt und auch gerade jetzt noch verdient sie all den Respekt, den ich ihr zeigen kann. Ohne ihre Stärke und Bestätigung hätte ich niemals die Person werden können, die ich jetzt bin. Sie hatte immer die besondere Stärke uns Mutter und zugleich Freundin zu sein, und sie hat meine Schwester und mich nie in eine Richtung gedrängt, die wir augenscheinlich nicht einschlagen wollten. Sicherlich hat sie versucht uns mit der bestimmten Erwachsenlogik alles zu erläutern und verständlich zu machen, aber letztendlich waren wir diejenigen, die entscheiden konnten.
Für diese gegebene Möglichkeit bin ich meiner Mutter für immer dankbar, denn ich war schon früh in der Lage Verantwortung für mich und meine Entscheidungen zu übernehmen.
Sie hat nie direkt meine Entschlüsse bezweifelt, dennoch glaube ich, dass sie doch manchmal abends im Bett gelegen und über unsere Taten gegrübelt hat. Dennoch hat sie mich niemals fühlen lassen, dass sie meine Entscheidung nicht für guthieß. In den wenigen Fällen, wo ich wirklich zu schroff und voreilig war, haben wir über das Problem gesprochen und ich bin bei der nächstmöglichen Gelegenheit zu der jeweiligen Person gegangen um mich zu entschuldigen.
Heute mit der sehr realer werdenden Vorstellung mein Mutterland ein zweites Mal zu verlassen, und dieses Mal soll es länger als ein Jahr werden, fühle ich mich verpflichtet noch besser zu sein. Jeden Tag fühle ich die Stärke in mir wachsen, die mich von Kindesbeinen an ernährt hat und ich weiß, dass ich mein Leben lang für die Sachen kämpfen werde, die ich mir als Ziel gesetzt habe. Und bis jetzt scheint alles richtig gewesen zu sein. Jeder meiner Schritte in dieser Welt war von der realen oder gedanklichen Anwesenheit meiner Mutter geprägt.
Was wird nun passieren?
Im Moment irgendwie nichts. Ich werde hier in Berlin bis zu meiner ersehnten Abreise arbeiten. Und ich bin so froh sagen zu können, dass ich meinen Job mag, denn es beruhigt mich zu wissen, dass ich fast mein eigener Boss bin. Ich muss nicht den Befehlen meiner Vorgesetzten blindlings folgen, sondern kann bis zu einem gewissen Grad meine mir bescheinigten Kompetenzen nutzen, um abzuwägen. Ich habe mir diese Entscheidungsfreiheit in diesem Land schulisch erkauft. Ich muss mich nicht vollständig unterordnen. Meine Mutter hingegen war ihr Leben lang irgendwie unter sozialer Kontrolle. Sie musste sich ihre Freiheiten stärker und weitaus folgenreicher erkämpfen. Auch wenn unsere Mutter mit uns über solche Sachen nicht viel gesprochen hat, fühle ich, dass sie eben diese Kämpfe psychisch anstrengender durchleben musste als wir es jemals mussten. Sie war leider mit einem angeborenen Makel auf die Welt gekommen, der ihr Leben von Geburt an determinierte. Zuerst musste sie sich gegenüber ihrer Mutter viel stärker durchsetzen als ihr Bruder, danach in der Schule und letztendlich war ihre ganze Kindheit und Jugend vom Kampf geprägt. Manchmal muss sie sogar jetzt noch stärker sein als manch anderer. Sie musste für sich und ihr Dasein, so wie es eben war, kämpfen und hat dies mit aller Willenskraft getan, von der wir als nächste Generation immer noch profitieren.
Wenn ich mich im Spiegel betrachte, kann ich meine Mutter sehen, wie sie ausgesehen hätte, wäre sie ohne diesen Makel geboren.
Für mich war unsere Mutter wie jede andere auch. Nein, eigentlich muss ich das Letztgesagte noch einmal revidieren und verbessern. Sie war immer anders, denn, wann immer wir auf der Straße unterwegs waren und wir Menschen begegneten, die nicht so aussahen wie das Idealbild und wir Kinder anfingen uns darüber lustig zu machen, beugte sie sich hinunter, schaute uns in die Augen und fragte uns, was wir in ihr sehen. Als Kind konnten wir es nicht hundertprozentig verstehen, aber später haben wir begriffen, was sie uns damit sagen wollte. Jedes Mal, wenn wir uns über unsere Albernheiten auf Kosten anderer amüsierten, musste sie wieder ihre Kindheit und Jungend erleben, der sie doch durch das Erwachsenwerden entronnen war, und hat uns somit vor Augen geführt, dass sie genauso gefühlt hatte, wie vielleicht die Personen über die wir gerade gelacht hatten, wenn sich Kinder über sie lustig gemacht oder wenn die anderen Kinder sie beschimpft hatten. Wir kannten unsere Mutter nur so wie sie war. Für uns war sie normal aber nicht für die Mehrheit. Und somit sind wir mit einem wacheren Bewusstsein des Anderen aufgewachsen. Noch heute bin ich froh, dass ich anders aufwachsen konnte als die meisten Kinder. Ich habe früh gelernt, dass Schönheit oder dass, was als Schönheit bezeichnet wird, relativ ist und dass man jeden Menschen nicht nach seinem Äußeren zu beurteilen hat.
Ich bin der festen Überzeugung, dass ich mit einer besonderen Dosis Unabhängigkeit auf die Welt gekommen bin, aber dass ich aber auch umso mehr über ihre Fallen lernen musste. Ich glaube auch, dass alles was mich reizt und provoziert, all das, was ich liebe und jedes Ziel, dass ich mir setzte, seine Ursache in meiner Kindheit hat. Gleichzeitig weiß ich, dass meine Kindheit keine schlechte war, und dass mich nichts davon in irgendwelche schwer depressiven Phasen gebracht hat. Es sind eher die Umstände der neuen Zeit – und damit meine ich die Zeit nach der Grundschule – die mich mehr und mehr zum Nachdenken angeregt hatten. Nichts von dem ist nach Außen gedrungen, aber innerlich wuchs ich zu der Person heran, die ich werden wollte.
Ein jeder kennt diese Zeiten, in denen alles schief läuft, in denen man den Eindruck hat, dass die ganze Welt gegen einen ist, und wo alles Studieren nicht zur Aufklärung des Tatbestandes beträgt. Genau dann, kommen die Mütter, halten die Kinder über der Wasseroberfläche und helfen ihnen die Probleme zu bewältigen. Genau dann war meine Mutter immer für mich da. Und natürlich hat mein geliebter Sport ebenso seinen Teil an meinem Erfolg.
Samstags um halb acht gehe ich durch meine Straßen, in denen ich groß geworden bin, und die heute von den Neureichen und -intellektuellen eingenommen werden, und fühle mich wieder als ob ich 6 oder 7 Jahre alt wäre.
Ich erinnere mich noch gut an das erste Mal als ich ganz allein zum Turnen gehen sollte. Ich musste allein zur Straßenbahn vorlaufen, in die Straßenbahn einsteigen, 6 oder 7 Stationen fahren und dann an der richtigen Haltestelle aussteigen. Nach ein paar Metern hatte ich den Eindruck, dass ich von jemanden verfolgt wurde, ich wusste nicht wieso ich dieses Gefühl hatte, aber ich drehte mich um, um mich zu vergewissern und wen konnte ich noch hinter den Trabanten verschwinden sehen: meinen Papa. Er hat mich bis zur Haltestelle überwacht, ist dann aber irgendwie verschwunden. Als ich in der Bahn saß, und den wunderbaren Duft aus einer Mischung grünen Leders mit Holz einatmete, hatte ich die ganze Zeit Angst meine Haltestelle zu verpassen. Ich hatte bei den letzten Fahrten mit meinen Eltern bemerkt, dass wir immer direkt nach der rosa-blau-gelb gestrichenen Wand gleich hinter der Kirche ausgestiegen sind und machte mir diese Wand bei dieser Fahrt bewusst. Ich starrte die ganze Zeit aus der linken Fensterseite heraus um gar nicht mein neu-entdecktes Hinweisschild zu verpassen.
Die Straßenbahn hielt einige Mal und fuhr mit einem unglaublichen Getöse wieder an nachdem die Türen mit diesem besonderen schrill-dumpfen, rotleuchtenden Ton geschlossen waren. Diesen Ton und die Bahn gibt es heute leider nicht mehr.
Seit dieser erfolgreichen ersten Reise und dem sicheren Ankommen beim Turntraining sollte mich dennoch immer wieder dieses mulmige Gefühl begleiten, wenn ich die folgenden Jahre zum Training fahren musste. Es war immer die Angst mit an Bord die Haltestelle zu verpassen und ich würde letztendlich ganz alleine in dieser großen Stadt sein.
Zum Glück habe ich nie meine Station verpasst und ich bin so froh über diese Erinnerung wie über meine erstes neues Fahrrad. Doch dazu ein anderes Mal.