Es ist ein grauer Freitagmorgen, die Sonne sollte sich am heutigen Tag nicht blicken lassen. Sie erwachte, schaute aus dem Fenster, betrachtete die schlafende Person neben ihr und spürt einen tiefen Stich in ihrem Herzen. Die zarte, fast zerbrechlich wirkende Frau liegt mit geschlossenen Augen neben ihr, das tiefschwarze Haar ihr ins Gesicht fallend und eines der schönen großen Augen verdeckend. Sie konnte sie atmen hören, konnte ihre Lippen an ihren spüren und küsste sie sanft. Sie stand auf, wie immer ohne von ihr bemerkt zu werden. Sie dachte über den nächtlichen Traum nach, der sie an ihren Vater erinnerte und konnte sich wie jeden Morgen nicht des Gedanken verwehren, dass etwas geschehen würde. Sie eventuell keine Zeit mehr haben würde, es ihm zu sagen.
Wie jeden Morgen betäubte sie ihre Träume im kalten Wasser des morgendlichen Gesichtswaschens. Das morgendliche Ritual hatte begonnen, welches sich schon seit Anbeginn ihrer Schulzeit in sie hineingefressen hatte. Ja, es kamen ein paar Tage, an denen dieses Ritual durchbrochen wurde, aber im Großen und Ganzen kam es doch immer wieder aufs Gleiche hinaus. (…)
Sie ging in die Küche ohne das Licht einzuschalten und startete den Wasserkocher. Sie aktivierte das Radio und just in dem Moment ertönten die Nachrichten: Gestern zog das Orkantief „Kyrill“ vom Atlantik kommend über die Nord- und Ostsee hinweg. In Teilen von Deutschland waren die Auswirkungen sogar im Flachland zu spüren. Europaweit kamen 40 Menschen ums Leben und in Deutschland starben sturmbedingt 13 Menschen. Es kam zu Stromausfällen und sogar der Zugverkehr wurde in Deutschland wegen des Orkans eingestellt.“ Sie konnte es nicht glauben. Jeder Morgen schien mit einer Katastrophe zu beginnen gleich welcher Art sie auch waren. Wir wollen hier nicht vom laufenden Irakkrieg sprechen. Wie immer endeten die Nachrichten mit dem Wetter, welches Besserung versprach. Jetzt erst bemerkte sie, dass ihre Freundin in der Küche stand und fragte, warum sie denn schon wach sei. Auf die Frage konnte sie nicht antworten stattdessen sagte sie, dass sie einen schlechten Traum gehabt hätte und einfach aufstehen musste. Ihre Freundin erinnerte sie an den heutigen freien Tag, den sie gemeinsam verbringen wollten.
Sie hatten geplant auszuschlafen, spazieren zu gehen, den Fernsehturm zu besichtigen und sich einfach mal Ruhe zu gönnen. Einfach mal abschalten, wie man so sagt.
„Ja, ich gehe mal schnell eine Runde um den See und werde anschließend Brötchen mitbringen. Willst du was Besonderes? Oder so wie immer. Geh du dich noch einmal hinlegen und ich wecke dich dann, wenn alles fertig ist.“, sagte sie und verschwand in ihren dreistreifigen Sportklamotten aus der Tür.
Als sie wiederkam, war der Tisch schon gedeckt und ihre Freundin schaute sie mit einem großen Lächeln an. Sie beeilte sich aus ihren Sachen zu kommen und duschen zu gehen um mir ihr frühstücken zu können. Während des Frühstücks sprachen sie über den Orkan und über dessen Auswirkungen und darüber wie kalt es doch draußen war. Sie entschlossen sich dennoch bei ihrem Plan zu bleiben und bereiteten alles vor.
Nach dem dritten Telefonklingeln konnte sie endlich das Handy finden und abnehmen. Am anderen Ende war keiner. Sie fragte nach und konnte nur eine leise Stimme hören. Sie konnte aber niemanden erkennen und wurde etwas verärgert, weil sie eigentlich gerade auf dem Sprung nach draußen zum Fernsehturm waren. „Hallo, wer ist denn da? Dieses Mal konnte sie die Stimme erkennen: „Anna, das ist ja eine Überraschung!“
Sie hatte schon seit Monaten nichts von ihrer Ex-Freundin gehört. Nachdem sie ihr nicht allzu freundlich klar gemacht hatte, dass sie mit ihrer jetzigen Freundin zusammen bleiben möchte, hatte Anna sich nicht mehr gemeldet. Sie hätte niemals gedacht, dass sie den Kontakt so einfach abbrechen würde. Der letzte Kontaktversuch war von ihrer Seite gewesen per SMS um nachzufragen wie es Anna ginge, aber sie hatte nie darauf geantwortet. Somit hatte sie angenommen nichts Weiteres von ihr zu hören und sie hatte beschlossen diesen Kontaktabbruch zu respektieren bis Anna wieder den Weg zu ihr finden würde, im Falle das sie es möchte. Sie musste sich eingestehen, dass es schon sehr seltsam war ohne sie zu leben. Sie waren ja schon seit einem Jahr auseinander und hatten das jeweilige Jahr in anderen Ländern verbracht. Seitdem sie wieder hier war, musste sie nun alleine laufen, schwimmen und zum Sport gehen und konnte auch ihre lustigen Seiten nicht mehr mit ihr ausleben. Sie hätte nicht gedacht, dass sie Anna so sehr vermissen würde, aber wiederum respektierte sie Annas Entscheidung. Sie wollte sie nicht noch mehr verletzen.
„Ja, Anna. Was möchtest du denn? Ich habe ja schon lange nichts mehr von dir gehört.“ Leider bekam sie keine Antwort. Die Telefonverbindung war sehr schlecht. Was ist los, fragte sie noch einmal. Immer noch keine Antwort. Ihre Freundin in der Tür wartend schaute sie an und wollte wissen was los ist. Sie zuckte mit den Schultern und machte ihr begreiflich, dass sie wieder herein kommen und die Tür schließen solle. Ihre Freundin verzog ein wenig das Gesicht, denn sie war nicht allzu gut auf Anna zu sprechen und setzte sich in die Küche auf den Stuhl. Dann hörte sie es schlagartig. „Mein Vater ist gestern gestorben.“ „Was?“, fragte sie zurück. Anna wiederholte, dass ihr Vater gestern verstorben sei. Sie konnte es nicht fassen. Der Mann, der Anna am wichtigsten war sollte gestern Abend gestorben sein. Sie konnte, wollte es nicht wahrhaben. Anna fuhr fort, dass sie mich anrufe, weil ich ein wichtiger Teil ihres Lebens bin … Und wieder war die Telefonverbindung so schlecht, dass sie nachfragen musste, was Anna gesagt hatte. Sie war verlegen und sagte ihr, dass sie leider den restlichen Teil des Satzes nicht verstehen konnte. Anna sagte, dass sie bei ihrer Mutter draußen im Haus wäre und deswegen die Verbindung so schlecht sei. Sie konnte an nichts anderes denken als zu ihr fahren zu wollen, aber sie konnte nicht. Nicht, weil ihre Freundin in der Küche saß, sondern einfach weil sie kein Auto besaß. Sie konnte nicht für Anna da sein. Sie wollte aber unbedingt zu ihr, sagte es Anna durch den Telefonhörer und konnte Anna abwehrend vernehmen, dass sie lieber mit ihrer Familie allein sein möchte. Anna sagte ihr, dass sie sich noch einmal melden würde sobald sie näheres wisse. Sie sagte schnell „Okay!“ und „Auf Wiedersehen“ und dann hatte Anna auch schon aufgehängt.
Sie ging zu ihrer Freundin in die Küche. Sie schaute sie an, und sagte ihr, dass der Vater von Anna verstorben sei. Ihre Freundin kam zu ihr, umarmte sie und brachte sie ins Schlafzimmer.